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(Letzte Änderungen: 21.4.2006)
Die kapverdische Musiklandschaft ist sehr vielfältig, von "traditionell" bis "experimentell" wird jeder
Geschmack bedient. Vereinfacht gesehen kann die kapverdische Musik als Mischung afrikanischer,
brasilianischer und portugiesischer Musikstile aufgefasst werden.
Die jüngere, hauptsächlich in der Fremde (USA, Niederlande, Portugal, Frankreich)
werkelnde Musikergeneration wendet sich leider größtenteils eher den
musikalisch flachen Gefilden von Rap, Hip-Hop und Zouk (Wer Zouk mag, geht auch zur Love Parade...) zu, und diese Art von Musik besitzt nicht mehr
unbedingt die typischen kapverdischen Merkmale, die mich anziehen.
Die Musikkategorien, die mich ansprechen, sind die folgenden (üblicherweise sind die Grenzen unscharf und
Einflüsse von anderen Musikrichtungen können durchaus vorhanden sein):
1. Morna
Mornas sind meistens langsam und melancholisch. Da die meisten Kapverdianer nicht mehr auf ihren Inseln leben,
sind Abschied, Heimweh und Sehnsucht (die "Sodade") die häufigsten Themen.
Auf Sao Nicolau habe ich es selbst miterlebt, wie ein etwa 25jähriger Mann in die Fremde
entlassen wurde.
Draußen am Zaun des Flugplatzes winkten 100 Freunde und Verwandte zum Abschied,
im Flugzeug kullerten dem jungen Mann die Tränen von den Wangen.
Im Unterschied zum ähnlichen portugiesischen Fado sind die Mornas leiser, der Kummer wird nicht
heraus geschrien.
Sehr schöne Mornas werden z.B. von Cesaria Evora dargeboten. Bana und Ildo Lobo sind männliche
Interpreten, die diese Stilrichtung in ihrem Repertoire haben.
2. Coladera (Coladeira)
Hier handelt es sich um flotte, rhythmische und somit tanzbare Musik. Teofilo Chantre und Tito Paris sind
mir hier die liebsten Vertreter (sie bieten aber auch Morna und Funana an). Die Platten dieser
beiden Interpreten sind ein guter Einstieg in die mitreißende
kapverdische Musik. Bspw. ist "Tito Paris - Live in Lisbon" eine Aufnahme, die ca. 3 Sekunden
benötigt, bis die Füße eines jeden Zuhörers im Rhythmus mitwippen. Ein Großteil der Lieder der
"Cabo Verde Show" und Rene Cabral gehört auch noch in die Rubrik "Coladeira", bei den neueren
Aufnahmen schon mit Sichtkontakt zum Zouk.
3. Funana
Das Akkordeon gibt normalerweise die Melodie vor, rhythmisch unterstützt durch das "Reiben" auf einem geriffelten Eisenstab (ferrinho).
Charakteristisch ist der galoppierende, nicht durchgehende Rhythmus. Es gibt langsame und sehr rasante Varianten.
In der reinen Form wird Funana bspw. dargeboten von Kode di Dona und Sema Lopi.
Eine aktuelle Gruppe ist Ferro Gaïta.
Mir gefallen die Funana-Stücke der Gruppen Bulimundo und Finaçon am besten.
Zwar wird hier nicht mehr der reine ursprüngliche Funana-Stil dargeboten, aber die Musiker (z.B. Zeca + Zeze
Di Nha Reinalda, Katchas) sind äußerst versiert, und ihr elektronisch aufbereiteter Funana
bietet die mitreißendsten Melodien und die größte Abwechslung.
4. Batuk
Eine sehr traditionelle Musik ist Batuk ("Batuque"). Batuk wird auf Santiago von Frauen dargeboten,
die im Halbkreis auf dem Boden sitzen und auf zwischen den Beinen zusammen gedrückten mit
Stofffetzen gefüllten Plastiktüten einschlagen (Entweder diese Stofffetzen oder der
Grundrhythmus nennen sich "tchabeta", da sind sich die Quellen nicht ganz einig!).
Dazu tanzt eine weitere Frau im Innern des Halbkreises ("terrero") und gibt die Themen des Tages zum besten.
Dieser Gesang mit improvisierten Texten nennt sich "Finaçon". Die restlichen Frauen begleiten im Chor.
Sicherlich sollte diese sehr rhythmische Musik besser als Liveerlebnis genossen werden,
als zuhause im CD-Spieler. Also, wenn der Name "Batuque" fällt, sollten Sie sich rustikale,
unverfälschte Musik vorstellen.
5. Was sonst noch geboten wird...
Die Gruppe "Simentera" besticht durch wunderbare Melodien, wobei der Gesang eindeutig im
Vordergrund steht.
Eine Reihe von Interpreten verzichtet gänzlich auf Gesang. Bau ist bspw. ein exzellenter Gitarrist
(er greift auch zur kleinen Gitarre "Cavaquinho" oder zur Violine)
und liefert auf seinen Platten ausgereifte Klanggebilde ab. Chico Serra interpretiert kapverdische
Klassiker auf dem Klavier, Travadinha auf der Violine und die Werke des einmaligen
Projektes "Mindel Band" (Bau ist auch dabei) lassen sich nur schwerlich klassifizieren
(siehe auch -> Unikum).
Freunde des gepflegten Klarinetten- und Saxophonspiels werden bei Luis Morais fündig.
Paulino Vieira wandelt auf der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn, ist ein Multiinstrumentalist
und produziert und arrangiert auch die Werke anderer Gruppen. Wenn Sie im Hintergrund
verspielte und sich selten wiederholende Begleitung (Klavier, Gitarre u.a.) hören,
ist es wohl Paulino Vieira. Besonders gefühlvolle Melodien sind zu erwarten,
wenn der Komponist (und auch Interpret) Jovino dos Santos heißt.
Wie bereits erwähnt, wenden sich 90 Prozent der jüngsten Musikergeneration auch Hip-Hop, Rap
und Zouk zu. Zouk stammt von den Antilleninseln Guadeloupe und Martinique und
zeichnet sich durch "den Rhythmus, bei dem man mit muss" aus.
Ich mag aber i.a. keine Musik, bei der sämtliche Werke eine gemeinsame Karaokeversion besitzen, die auf
eine Single passt.
Erträglicher Zouk (da noch etwas Abwechslung vorhanden) wird bspw. von den Gruppen
Xtreme und "Os Conquistadores" produziert.
Es gibt auch jazzige Ansätze, bspw. von Voginha ("Felicidade"). Auch beim Nachwuchstalent Tcheka
vernimmt der Zuhörer jazzige Passagen. Vasco Martins ist ein Komponist und Künstler, der
sphärische Soundcollagen bevorzugt, die (manchmal !) an Jean Michael Jarre erinnern. Normalerweise
klingt das nicht typisch kapverdianisch, ist aber trotzdem interessant anzuhören.
Empfehlung: Fast alle Sampler geben einen guten Überblick (jedenfalls über Mornas und Coladeiras,
teilweise auch Funana).
Die Platten "Soul of Cape Verde" und
"Spirit of Cape Verde" sind sehr geeignet, sich mit der kapverdischen Musik anzufreunden.
Musikinteressierte seit dem
9.4.2002
Schreiben Sie mir: achim.lewandowski@alewand.de
Copyright © 2002-2005 Achim Lewandowski.